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Niemand weiß, wie viele Ökosysteme jeden
Tag vernichtet werden und wie viele Tier- und Pflanzenarten jeden Tag
von der Erde verschwinden. Aber dass die menschliche Zivilisation für
Umweltzerstörungen von verheerenden Ausmaßen verantwortlich
ist, kann heute nicht mehr ernsthaft bestritten werden. Mit ihren Ursachen
und Folgen befasst sich Edward O. Wilson in seinem neuen Buch.
In Wilsons Augen setzte das Verhängnis schon mit
der Erfindung der Landwirtschaft gegen Ende der letzten Eiszeit ein. Schon
in dieser neolithischen Phase wurde damit begonnen, die Urwälder,
die sich damals noch über fast sämtliche bewohnbaren Regionen
der Erde erstreckten, bedenkenlos abzuholzen und niederzubrennen, um Ackerland
und Viehweiden an ihre Stelle zu setzen. Die nachfolgenden Generationen
fuhren mit den Rodungen unerbittlich fort, so dass heute von den ursprünglichen
Wäldern kaum mehr als die Hälfte übrig geblieben ist. Wilson
bezweifelt allerdings, dass dieses rücksichtslose Vorgehen allein
auf die kontinuierliche Zunahme der Bevölkerung und den chronischen
Ressourcenmangel zurückgeführt werden kann. Er vermutet vielmehr,
dass die menschliche Spezies eine angeborene Vorliebe für savannen-
oder parkähnliche Landschaften hat, die noch aus der Zeit stammen
könnte, als sich ihre hominiden Vorfahren genetisch an die Grassteppen
ihres afrikanischen Lebensraums anpassten. Das würde bedeuten, dass
Menschen sich in erster Linie dort wohlfühlen, wo es ebene und halboffene
Graslandschaften und außerdem Seen oder Teiche in unmittelbare Nähe
gibt, wo aber die Sicht und der Aktionsspielraum nicht durch Ansammlungen
von Bäumen und dichtes Unterholz zu sehr eingeschränkt sind.
Hingegen würden sich Menschen von Umgebungen, die keine oder nur
geringe Ähnlichkeit mit ihrem angestammten Lebensraum haben, derart
stark abgestoßen fühlen, dass sie alles versuchen werden, um
sie in Savannen zu verwandeln. Und deshalb werden die Regenwälder
nach wie vor gnadenlos dezimiert.
Die Ausbreitung der Landwirtschaft über immer größere
Teile der Erde hatte nicht nur das rapide Schrumpfen der Wälder und
Wildnisgebiete zur Folge. Sie führte auch dazu, dass die größeren
Säugetiere, Reptilien und Vögel Amerikas, Australiens und Europas
schon nach kürzester Zeit dem menschlichen Expansionstreben zum Opfer
fielen. Nur in Afrika und im tropischen Asien blieb ihnen das Schicksal
der vollständigen Ausrottung erspart. Wilson hat hierfür eine
schlüssige Erklärung gefunden: Allein auf dem afrikanischen
und asiatischen Kontinent kam es zu langfristigen koevolutionären
Beziehungen zwischen Fauna und Flora und dem Homo sapiens. Die einheimischen
Großtierarten hatten deshalb genügend Zeit, sich genetisch
auf den Menschen einzustellen und Schutzmechanismen gegen ihn zu entwickeln.
Außerdem wurde seine Vermehrung durch Raubfeinde, Nahrungskonkurrenten
und Krankheitserreger in Schach gehalten. Als die Menschen jedoch zu den
übrigen Kontinenten vordrangen, hatten sie leichtes Spiel, weil sie
dort auf eine Tierwelt trafen, die ihnen weitgehend wehrlos gegenüberstand.
Darüber hinaus hatten sie den Vorteil, sich aufgrund ihrer besonderen
kognitiven Fähigkeiten extrem schnell an fremde Umgebungen anpassen
zu können. So konnte der Homo sapiens zu einer der gefährlichsten
invasiven Arten und zum globalen Massenmörder werden.
Heute, behauptet Wilson, sind die ökologischen
Grenzen des ökonomischen Wachstums schon derart weit überschritten,
dass der Planet Erde die Fähigkeit zur biologischen Regeneration
verloren hat. Während das Artensterben früher im Wesentlichen
auf die großen Landtiere beschränkt blieb, erfasst es inzwischen
auch viele Fische, Amphibien, Insekten und Pflanzen. Gegenwärtig
benötigt jeder Amerikaner zur Befriedigung seiner grundlegenden Lebensbedürfnisse
9,6 Hektar an ökonomisch genutztem Land und an Küstengewässern,
während sich in den Ländern der Dritten Welt jeder Einwohner
mit einem einzigen Hektar begnügen muss. Wollte man versuchen, der
gesamten Weltbevölkerung das Konsumniveau der Vereinigten Staaten
zu ermöglichen, bräuchte man beim derzeitigen Stand der Technik
vier weitere Planeten mit dem Ressourcenreichtum der Erde.
Wenn die nicht erneuerbaren Ressourcen der Erde weiterhin
mit derselben Hemmungslosigkeit ausgebeutet werden und wenn Lebensräume
und Ökosysteme weiterhin mit derselben Geschwindigkeit zerstört
werden, dann - prophezeit Wilson - werden bis zum Jahr 2030 ein Fünftel
und bis zum Ende dieses Jahrhunderts die Hälfte aller Tier- und Pflanzenarten
ausgestorben sein. Trotz alledem hält es Wilson immer noch für
möglich, den totalen ökologischen Kollaps zu verhindern. Er
hofft darauf, dass eine universale ökologische Ethik, die auf einem
umfassenden Verständnis der Beziehungsgeflechte zwischen Mensch und
Natur beruht, sich schließlich durchsetzen wird. Er vertraut darauf,
dass die biophilen Instinkte, die den Menschen dazu befähigen, sich
in nichtmenschliche Organismen einzufühlen, ihn auch dazu veranlassen
könnten, sich mit ihnen zu solidarisieren. Und Wilson setzt darüber
hinaus auf pure ökonomische Vernunft. 1997 betrug das weltweit erzielte
Bruttosozialprodukt 18 Billionen US-Dollar. Demgegenüber entsprach
die Summe aller ökologischen Dienstleitungen, die die Biosphäre
im selben Jahr für die menschliche Bevölkerung produzierte,
einem Wert von mindestens 33 Billionen Dollar. Wilson schließt daraus,
dass jeder Versuch, die Dienstleistungen der Natur durch synthetisch erzeugte
zu ersetzen, langfristig zum Scheitern verurteilt ist.
Wilsons apokalyptische Prognosen sind in mehrfacher
Hinsicht anfechtbar, und mit den Strategien, die er vorschlägt, wird
der Weltuntergang kaum abgewendet werden können. Trotzdem: Wilson
liefert mit diesem Buch einen der ergiebigsten Beiträge zur politischen
Ökologie überhaupt - und eine präzise Bestandsaufnahme,
die die prekäre Lage der Biosphäre deutlich vor Augen führt.
Rezensent: Dr. Frank Ufen

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